Blick aus meinem Fenster
Wie nichts...

Wie nichts auf der Welt,

hasse ich es,

dich zu enttäuschen.

Verzeih mir.

Und wenn du vorgibst,

dass es nichts zu verzeihen gibt

oder es dich nicht schmerzt,

dann schmunzel ein wenig

und nimm es hin.

 

6.7.08 16:28


Leiser Duft - laute Erinnerung

Und ich freute mich -

auf den heimischen Duft der Linde,

als ich weit weg war -

wo keiner dieser Bäume je gesehen. 

 

Als ich sie roch -

fühlte ich mich zuhause.

 

Mehr denn je. 

Und dabei war ich gar nicht lange weg.

 

7.7.08 20:13


Beeindruckend. Zu Tränen gerührt.

Kinderkreuzzug 1939

von Bertold Brecht

In Polen, im Jahr Neununddreißig
war eine blutige Schlacht,
die hat viele Städte und Dörfer
zu einer Wildnis gemacht.

Die Schwester verlor den Bruder,
die Frau den Mann im Heer,
zwischen Feuer und Trümmerstätte
fand das Kind die Eltern nicht mehr.

Aus Polen ist nichts mehr gekommen,
nicht Brief noch Zeitungsbericht,
doch in den östlichen Ländern
läuft eine seltsame Geschicht.

Schnee fiel, als man sich's erzählte
in einer östlichen Stadt
von einem Kinderkreuzzug,
der in Polen begonnen hat.

Da trippelten Kinder hungernd
in Trüpplein hinab die Chausseen,
und nahmen mit sich andere, die
in zerschossenen Dörfern stehn.

Sie wollten entrinnen den Schlachten,
dem ganzen Nachtmahr
und eines Tages kommen
in ein Land, wo Frieden war.

Da war ein kleiner Führer,
der hat sie aufgericht'.
Er hatte eine große Sorge:
den Weg, den wusste er nicht.

Eine Elfjährige schleppte
ein Kind von vier Jahr,
hatte alles für eine Mutter,
nur nicht ein Land, wo Frieden war.

Und zwei Brüder kamen mit,
die waren große Strategen,
stürmten eine leere Bauernhütt'
und räumten sie nur vor dem Regen.

Und da war ein Hund
gefangen zum Schlachten,
mitgenommen als Esser,
weil sie's nicht übers Herz brachten.

Da war auch eine Liebe,
Sie war zwölf, er war fünfzehn Jahr.
In einem verschlossenen Hofe
kämmte sie ihm sein Haar.

Die Liebe konnt' nicht bestehen,
es kam zu große Kält':
wie sollen die Bäumchen blühen,
wenn so viel Schnee drauf fällt?

So gab es Glaube und Hoffnung,
nur nicht Fleisch und Brot,
und keiner schelt sie mir, wenn sie was stahl'n,
der ihnen nicht Obdach bot.

Und keiner schelt mir den armen Mann,
der sie nicht zu Tische lud:
für ein halbes Hundert, da handelt es sich
um Mehl, nicht um Opfermut.

Sie zogen vornehmlich nach Süden.
Süden ist, wo die Sonn'
mittages um zwölf Uhr steht,
gradaus davon.

Sie fanden zwar einen Soldaten
verwundet im Tannengries.
Sie pflegten ihn sieben Tage,
damit er den Weg ihnen wies.

Er sagte ihnen: Nach Bilgoray!
Muss stark gefiebert haben
und starb ihnen weg am achten Tag.
Sie haben auch ihn begraben.

Und da gab es ja Wegweiser,
wenn auch vom Schnee verweht,
nur zeigten sie nicht mehr die Richtung an,
sondern waren umgedreht.

Das war nicht etwa ein schlechter Spaß,
sondern aus militärischen Gründen,
und als sie suchten Bilgoray,
konnten sie es nicht finden.

Sie standen um ihren Führer,
der sah in die Schneeluft hinein
und deutete mit der kleinen Hand
und sagte: Es muss dort sein.

Einmal kamen sie an eine Stadt,
da machten sie einen Bogen.
Bis sie daran vorüber waren,
sind sie nur nachts weitergezogen.

Wo einst das südöstliche Polen war,
bei starkem Schneewehn
hat man die fünfundfünfzig
zuletzt gesehn.

Wenn ich die Augen schließe,
seh' ich sie wandern
von einem zerschossenen Bauerngehöft
zu einem zerschossenen andern.

Suchend nach dem Land mit Frieden,
ohne Donner, ohne Feuer,
nicht wie das, aus dem sie kommen,
und der Zug wird ungeheuer.

In Polen, in jenem Januar,
wurde ein Hund gefangen,
der hatte um seinen mageren Hals
eine Tafel aus Pappe hangen.

Darauf stand: Bitte um Hilfe!
Wir wissen den Weg nicht mehr.
Wir sind fünfundfünzig.
Der Hund führt euch her.

Wenn ihr nicht kommen könnt,
jagt ihn weg.
Schießt nicht auf ihn,
nur er weiss den Fleck.

Die Schrift war eine Kinderhand.
Bauern haben sie gelesen.
Seitdem sind eineinhalb Jahre um.
Der Hund ist verhungert gewesen.


8.7.08 23:58


Fürwahr.

Ich besänftige mein Herz

    

Ich besänftige mein Herz,

mit süßer Hoffnung ihm schmeichelnd.

Eng ist das Leben fürwahr,

aber die Hoffnung ist weit.

 

J. W. Goethe 

 

  
9.7.08 21:45


Zeilen, die gefangen nehmen.

Wer diese Zeilen nicht liest,

verpasst einen wichtigen Teil Kultur.

Ein weiterer Verweis hierbei auf Brechts "Kalendergeschichten". 

 

Ballade von der "Judenhure" Marie Sanders

(von B. Brecht)

 

In Nürnberg machten sie ein Gesetz

Darüber weinte manches Weib, da

Mit dem falschen Mann im Bett lag.

"Das Fleisch schlägt auf in den Vorstädten

Die Trommeln schlagen mit Macht

Gott im Himmel, wenn sie etwas vorhätten

Wäre es heute Nacht."

 

Marie Sanders, dein Geliebter

Hat zu schwarzes Haar.

Besser, du bist heute zu ihm nicht mehr

Wie du zu ihm gestern warst.

"Das Fleisch schlägt auf in den Vorstädten

Die Trommeln schlagen mit Macht

Gott im Himmel, wenn sie etwas vorhätten

Wäre es heute Nacht."

 

Mutter, gib mir den Schlüssel

Es ist alles halb so schlimm.

Der Mond sieht aus wie immer.

"Das Fleisch schlägt auf in den Vorstädten

Die Trommeln schlagen mit Macht

Gott im Himmel, wenn sie etwas vorhätten

Wäre es heute Nacht."

 

Eines Morgens, früh um neun Uhr

Fuhr sie durch die Stadt

Im Hemd, um den Hals ein Schild, das Haar geschoren.

Die Gasse johlte. Sie

Blickte kalt.

"Das Fleisch schlägt auf in den Vorstädten

Der Streicher spricht heute Nacht.

Großer Gott, wenn wir ein Ohr hätten

Wüssten wir, was man mit uns macht."


10.7.08 22:48


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